Pressestimmen über unser Projekt:

Schlaganfall-Magazin: Wie man Sprache wiederfindet

Münchner Merkur Bayern & Region FREITAG, 29. FEBRUAR 2008 www.merkur-online.de Telefon: (089) 53 06-424 Telefax: (089) 53 06-86 54 bayern@merkur-online.de SEITE 11

DIE MENSCHEN DES TAGES

Sonja und Isabel Weinbuch aus München

Chor für verlorene Worte
Die Mutter von Sonja und Isabel Weinbuch hat 2005 einen Schlaganfall erlitten – bis heute fehlen ihr die meisten Wörter beim Sprechen. Als die Töchter entdeckten, dass „manche Wörter durchs Singen zurückkommen“, gründeten sie eine Singgruppe. Das Projekt startet am Montag. Eine Musiktherapeutin leitet den Chor, mitmachen kann jeder. Die Teilnahme ist kostenlos. Es passierte im Oktober 2005. Ute Weinbuch saß auf einem Fitness-Rad im Wohnzimmer – und plötzlich fiel sie zu Boden. „Ein Schlaganfall“, sagten die Ärzte später, Blutungen im Hirn hatten ihn ausgelöst. Stark betroffen war die linke Hirnhälfte: „Der Sitz des Sprachzentrums“, wie es in der Fachliteratur heißt. Ute Weinbuch fiel ins Koma, zwei lange Monate. Es folgten vier Monate Reha, erst danach konnte sie heim. Bruchstücke von Sekunden hatten ihr Leben verändert – und das ihrer Familie: Ute Weinbuch war ein Pflegefall geworden. Knapp zwei Jahre sind seither vergangen. Ute Weinbuch ist heute 67, sie musste wieder lernen zu gehen und zu sprechen. Inzwischen schafft sie einen Kilometer am Stock, an guten Tagen steht sie in der Küche, lächelt und spült ab. Es ist dann ein bisschen wie früher. "Unsere Mutter versteht jedes Wort", sagen die Töchter. Nur bei Unterhaltungen, wenn sie selbst redet, tauchen Fantasiesätze auf: "Fast immer benutzt sie ihre eigenen Silben", erzählt Sonja - weil ihr so oft die Worte fehlen. Ein kleiner Teil der Wörter kommt langsam zurück:" Das hat sie nur durchs Singen geschafft". Vor ihrem Schlaganfall hat Ute Weinbuch viel gesungen – und auch viel Geige gespielt. „Anspruchsvolle Kammermusik und in Orchestern“, erzählen die Töchter. Als die Mutter im Koma lag, nahmen die erwachsenen Kinder (29 und 34) für sie Kassetten auf. Sie sangen darauf, Isabel, selbst Musikpädagogin, spielte Klavier, Sonja Cello. Später gewöhnten sie die Mutter wieder an ihre Geige. Dann kam die Idee mit der Singgruppe. Sie wollten, dass ihre Mutter Kontakt bekommt zu an deren Betroffenen. Sie wollten, „dass gesunde Menschen und Menschen mit Beeinträchtigung zusammen singen“ – ein integratives Projekt, das Schlaganfallpatienten und begleitet den Chor am Klavier, Sonja singt mit. Das Projekt finanzieren die Schwestern allein, die Teilnehmer sollen nichts zahlen. Sonja und Isabel hoffen, dass viele Menschen kommen – weil das ihrer Mutter gefällt.

BARBARA NAZAREWSKA

"Mein Sendling" schrieb...

Chor für verlorene Worte Die Analogie von Musik und Sprache ist in vielen Forschungsexperimenten über das menschliche Gehirn bewiesen worden. Das klingt wissenschaftlich korrekt. Aber wie sieht das in der Praxis aus? Genau das wollen wir mit einem eben gestarteten Projekt erproben. Wir, das sind zwei Schwestern, deren Mutter nach einem schweren Schlaganfall, ausgelöst durch eine Gehirnblutung im Sprachzentrum, ihre Worte verloren hat. Seitdem spricht sie ihre eigene, keinem anderen Menschen zugängliche Sprache mit uns fremden Silben. – Aus medizinischer Sicht nennt man das Aphasie. Die Musik war in unserer Familie schon immer ein Schlüssel zum Leben und auch jetzt sollte sie uns helfen. Nachdem unsere Mutter das Atmen, das Schlucken, das Trinken und Essen sowie das Gehen völlig neu erlernt hatte, griffen wir wiederum auf die Musik als Hilfsmittel zurück. Da das Gehirn Melodien mit Worten in einer anderen Region als dem Sprachzentrum speichert, kommen beim Singen bekannter Melodien spontan richtige Worte. Wir nahmen diese Entdeckung bei unserer Mutter zum Anlass, eine Singgruppe, ein kleines Chorensemble, zu gründen. Es handelt sich dabei um ein integratives Projekt, das Menschen mit Sprachstörungen und anderen Beeinträchtigungen sowie gesunde Menschen durch gemeinsames Singen zusammenführen soll. Daher der Name „Tutti – Chor für alle“. Ziel des Chors, dessen Teilnahme kostenlos ist, ist durch das Singen neben sprachtherapeutischen Fortschritten Freude und Freunde zu gewinnen. Wir fieberten der ersten Chorprobe mit Spannung entgegen, nachdem wir schon eine lange Vorbereitungszeit mit viel organisatorischer Arbeit hinter uns hatten. Der 3. März war ein stürmischer, regnerischer Montagabend, der unsere Hoffnung, dass viele Leute kämen, zunächst sinken ließ. Aber nach und nach fanden sich Leute ein, nette, sympathische Menschen, die durch unsere Flyer und unseren Zeitungsartikel im Münchener Merkur auf uns aufmerksam wurden und von Anfang an offenen Herzens bei der Sache waren. Eine erste kleine Entspannungsübung, angeleitet von unserer musikpädagogisch ausgebildeten Chorleiterin, ließ unsere Herzen eher nicht zur Ruhe kommen, sondern höher schlagen vor Freude über den geglückten Anfang unseres Projektes und über das Strahlen im Gesicht unserer Mutter bei den ersten Chorklängen. Wir haben kein festgefahrenes Konzept, sondern sind offen für Ideen und Anregungen der Teilnehmer. Unser Programm wird sich zwischen den Kategorien Volkslieder, Gospels, Blues, Kanons und Rock-/ Popsongs bewegen. Unsere kleine Gruppe von ca. 15 Leuten würde sich freuen, bald noch mehr Teilnehmer, ob gesund oder von Schlaganfall betroffen, ob jung oder alt, aufnehmen zu dürfen.

"Vom Wohnzimmer auf die grosse Bühne" Unser Chor beim Auftritt am Tag der Laienmusik im Gasteig.